Blogbeitrag: Ein Strich formt die Gesellschaft

von Yvonne Tschopp-Camenzind

Verein Weiss- und Schwarzkunst: Yvonne und Roger Tschopp-Camenzind gründeten 2013 den Verein mit einer kleinen Gruppe von Interessierten, um ihren Lehrberuf im Bereich Papier und Druck zu stärken. Der traditionelle Buchdruck ist fast 600-jährig und wurde in den 70er Jahren durch den Fotosatz abgelöst. An dieser Stelle erzählt Yvonne über ihr Wirken und gewährt Einblicke in die Bestrebungen den Buchdruck im 21. Jahrhundert neu zu definieren, zu pflegen und in Workshops zu vermitteln.

>> www.weissundschwarzkunst.ch

BLOGBEITRAG

Ein Strich formt die Gesellschaft

In der Schweiz – sind die Wiesen grün. Schöner wäre es, wenn es in der grünen Wiese die gelben Butterblumen-, der violette Wiesensalbei, die weiss-gelbe Kamille, die gemeine Schafgarbe, der violette Wiesenklee und der gelbe Hornklee gäbe. Wie interessant wäre es, wenn die Eltern den Kindern die Blumen bei ihrem Namen nennen könnten. Ausser dem «Ankeblüemli», dem Geissenblümchen am Rande des Feldes und wie heisst das niedere blaue feine, vierblättrige Blümchen, mit den vielen Köpfchen? – Der Ehrenpreis – ausserdem wächst ja nur noch der Löwenzahn.

Genauso einfallslos, langweilig und stinknormal wurde die Schreibe unserer Gesellschaft. Aber, wir haben nichts dafür. Auf dem PC gibt es nur den einen Strich. Niemand weiss, dass er Divis heisst. Weil es aber keinen anderen gibt, nennt man ihn «Minus» und nutzt in allen Fällen. Das «Minus» ist nach dem Plus das zweite Zeichen, womit wir in der Schule rechnen lernen. Von Hand geschrieben hat es waagrecht eine gewisse Länge und steht von der Höhe her in der Mitte des Grossbuchstabens.

Wenn wir bei diesem Strich bleiben und die Angelegenheit tiefer anschauen, merken Sie, dass man hauptsächlich in gedruckten Medien vor und nach dem Strich unterschiedliche Weissräume addiert. Warum lieben es die Typografen und Typografinnen Buchstaben und Sonderzeichen formal ansprechend zu formieren? Weil das unsere Tradition ist, diese über viele Jahrhunderte gehegt und gepflegt haben und uns als Gesellschaft formen liessen. Erleben wir nun die Rückformung derselben? Reduzieren ist unserer Meinung nach total in Ordnung. Doch Bleiwüsten wussten wir immer verhindern. 

Die Mikrotypografie

Die Geschichte beginnt mit dem typografischen Massystem, welches mit Punkt und Cicero misst. Der Begriff «Geviert» ist ein geometrischer Fachbegriff aus der Mathematik des 16. Jahrhunderts, der für das Quadrat gebräuchlich war. In der Typografie ist das Geviert die relative Masseinheit, die zur Bemessung von Abständen (z.B. Wortzwischenräume, Zeilenabstände) und Strichen (z.B. Geviertstriche) verwendet wird. 

Ein Geviert ergibt sich aus der Höhe des Schriftkegels.

Ein Geviert ist also ein quadratisches Stück Blindmaterial, meist aus einer Metallegierung, das der jeweiligen «Kegelgrösse» entspricht, was aber, verwirrender Weise, sich nicht mit der eigentlichen Schriftbildgrösse deckt.

Zurück zum Minus


In der vierjährigen Schriftsetzerlehre lernten wir viele Striche und deren Anwendung kennen. Der Gedankenstrich « – », der in der Typografie als Halbgeviertstrich bezeichnet wird, verwendet der Typograf / die Typografin seinem Namen nach, aber auch als Minuszeichen (exakt die Breite des Gleichheitszeichens), Aufzählungszeichen, Währungsstrich oder Zeit- und Wegstrecken. Als Streckenstrich fügt man vor- und nachher ein Spatium (halbes Leerzeichen) ein. Die Ausnahme ist, wenn der Halbgeviertstrich als Bis-Zeichen (–20 Grad) verwendet wird, kommt er direkt an die Zahl, ohne Leerraum.

Das kürzere Divis « - », der Viertelgeviertstrich wird heute in der digitalen Welt für fast alles eingesetzt. Bei E-Mails, Posts auf Sozialen Netzwerken oder Apps könnte der Gebrauch vom Gedankenstrich durchaus weiterhin gepflegt werden. Es zeichnet die Person aus, wenn Sie weiss damit umzugehen, denn wie eine gut sitzende Hose oder das Kleine Schwarze Leute macht, spiegelt die richtige Anwendung der Interpunktionen Feingefühl und Knowhow.

Fakt ist, die Zeit früher war nicht besser – aber auf eine gewisse Weise vielfältiger, achtsamer und schöngeistiger. Ich plädiere dafür, dass wir die Striche gemäss ihrer Verwendung einsetzen und dass die Wiesenblumen wieder üppiger blühen dürfen. Gerade den Corona-Stopp könnten wir dafür nutzen um nochmals genau zu überlegen, was aus der immer-schneller-billiger-Zeit wir noch mitnehmen möchten und wo es sich lohnt der Vielfalt wieder mit Genuss zu fröhnen.  

Empfehlung für das tiefere Studium der Thematik:
Wolfgang Beinert, Grafikdesigner und Typograf, vereint all das Wissen in seinem Typolexikon.de. Es ist sein populärwissenschaftliches Langzeitprojekt, um Fachwissen rundum die Typografie, Schrift und Grafikdesign zu dokumentieren und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ich empfehle Ihnen einen Blick hinein zu werfen.

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