Neuer Rebberg in St. Erhard

Gespräch mit Winzer Ruedi Meyer

Text und Bilder von Bruno Raffa

Erzähl mal zuerst über dich selber. Seit wann bist du schon Winzer?
Ich bin ein “Nebenerwerbs-Winzer” und es ging los ungefähr vor 15 Jahren. Das Interesse für Wein und Reben begann aber schon viel früher. Seit 1996 bin ich regelmässig mit Freunden auf Weinreisen gegangen, d.h. wir sind direkt zu den Produzenten gereist, weil wir einfach wissen wollten, was hinter der Flasche steckt, die wir da trinken. So gedeihte mein Wissen an der Pflanze, an der Produktion und am Wein immer mehr.

Du bist ja hauptberuflich im Büro tätig. Was bedeutet für dich die Arbeit im Weingut bzw. wie ist der zeitliche Aufwand?
Die Arbeit in der Natur ist für mich ein grossartiger Ausgleich zum Bürojob. Ich bin in der Landwirtschaft aufgewachsen und so komme ich auch zurück zu meinen Wurzeln. Mein Wunsch ist, dass ich neben meinem Beruf in Zukunft etwa 30 % meiner Zeit dem Weinbau widmen kann. Dies auch im Hinblick darauf, dass der neue Rebberg Opplismatt ab nächstem Jahr doch einiges an zeitlicher Investition nötig machen wird.

Seit wann betreibst du deinen Weinberg in St. Erhard?
Reben im Wiberg St. Erhard existieren schon seit etwa 1970. Als wir im Jahr 2004 in St. Erhard unser Haus bezogen haben, habe ich 2005 vor dem Haus etwa 120 Rebstöcke gesetzt. Ab 2005 haben wir dann Rebstöcke im jetzigen Gebiet an der Wibergstrasse gesetzt und seither laufend weitere Flächen bepflanzt (z.B. im Hubel, beim Rankhof usw.).

Ist dein Rebberg in einem Verein organisiert oder machst du das alles alleine? Weshalb überhaupt ein neuer Rebberg?
Unser Spezialitäten-Weinbau-Betrieb besteht aus zwei fast eigenständigen Zweigen, einerseits dem Familienbetrieb, wo der neue Rebberg Opplismatt nun dazu gehört, und der Gruppe gleichgesinnter Freunde, die unter dem Label “WyGuet Terret” bisher vor allem die Rotweine auf den Markt gebracht hat. Mit der Zeit ist die Idee bzw. der Wunsch entstanden, den “alten” Rebberg zu erweitern. Ein weiterer Grund ist, dass wir in etwa 5 Jahren den Rebberg “Rankhof” wegen Bauarbeiten abgeben müssen und so haben wir begonnen, eine neue Fläche zu suchen. Doch die Verfügbarkeit an geeigneten Flächen war und ist gering und die Suche danach war seit jeher schwierig. Wir hatten das grosse Glück, dass uns der Landwirt direkt neben unserem bestehenden Rebberg eine grosse Fläche - eben Opplismatt - zur Pacht zur Verfügung gestellt hat. Die Lage ist natürlich fantastisch und der Boden ideal: unten Sandsteinfelsen und oben durchlässig, steinig, mit einer guten Humusschicht - ein nahrhafter Boden, bekannt vom ganzen Santenberggebiet.

Gibt es gesetzliche Vorgaben für den Weinanbau?
Ja, es gibt einige gesetzliche Vorgaben zu beachten. Insbesondere muss man ab einer bestimmten Fläche eine Bewilligung beim Kanton beantragen. Der gesetzliche Bereich fällt unter die Dienststelle Landwirtschaft und Wald (lawa) im Kanton Luzern. Dort werden die Pflanzbewilligungen erteilt, Mengenbegrenzungen, Mindestzuckergehalte und einiges mehr beurteilt und kontrolliert. Will man die Erzeugnisse dann auch vermarkten, unterliegt man der Schweizer Weinhandelskontrolle, die u.U. auch die einzelnen Betriebe kontrolliert.

Braucht es eine besondere Ausbildung oder könnte jeder einfach einen Rebberg betreiben?
Eine Ausbildung ist keine Vorschrift aber auf jeden Fall sehr sinnvoll und empfehlenswert. Als Einstieg in die Traubenproduktion gibt es verschiedene Kurse für Hobbywinzer und Interessierte, die u.a. auch regional angeboten und besucht werden können. An diesen Grund-Kursen lernt man den Rebstock als solches näher kennen und versteht die Zusammenhänge von der Pflanze, der Pflege während der Vegetationsperiode bis hin zur Ernte wie auch der Verarbeitung des Lesegutes bis zur Flasche zu verstehen. Möchte man dann (kleinere) Flächen mit Maschinen usw. bewirtschaften und wo möglich selber den Wein vinifizieren, empfehlen sich weiterführende Fachkurse, da es doch sehr viel Erfahrung und Wissen braucht.
Ich selbst habe verschiedenste Kurse und Ausbildungen absolviert, sowohl bei Rebschulen wie auch an der Weinbaufachschule in Wädenswil. Sehr zu empfehlen sind die Fachkurse am FiBL (Forschungsinstitut für biologischen Landbau), dort habe ich einen Bio-Winzerkurs besucht. Nebst alledem haben ich und meine Kollegen bei Beat Felder und weiteren Winzern einiges gelernt.

Welche Sorten wurden nun neu angepflanzt?
Wir haben für den Rebberg Opplismatt fünf Sorten ausgewählt. Es werden drei weisse Rebsorten gepflanzt: Sauvignon Soyhieres, Sauvignac und Souvignier gris. Das Sortiment wird im Moment durch zwei rote Rebsorten ergänzt: Cabernet Jura und Cal 1-28. Letztere ist eine neue Schweizer Züchtung, die noch keinen eigenen Namen hat. 2020 werden wir die Palette noch um eine weitere rote Sorte ergänzen und damit komplettieren.

Wie kommst du überhaupt auf die verschiedenen Sorten?
Wir arbeiten seit vielen Jahren mit verschiedenen Züchtern und Rebschulen zusammen, getreu unserer Philosophie, neue innovative Rebsorten anzupflanzen und daraus interessante neue Weine zu erzeugen. Das Ziel der neuen Züchtungen ist eine erhöhte Widerstandsfähigkeit gegenüber den klassischen Rebkrankheiten. Bei herkömmlichen Sorten müssen diese Krankheiten aufwendig mit Fungiziden behandelt werden, bei den neuen - pilzwiderstandsfähigeren - Rebsorten fällt dieser Aufwand deutlich geringer aus. Diese Züchter vermehren neue Sorten und vinifizieren diese z.T. auch selber, um Versuchsweine und damit Geschmacksprofile zu erstellen. So kann man die neuen Weine probieren und sich für eine Pflanzung entscheiden. Das machen wir nun seit etwa 15 Jahren und sind überzeugt, damit mittlerweile nicht mehr nur eine Nische zu besetzen, sondern mit den neuen Weinkreationen auch einen wichtigen Beitrag zur Rebsortenentwicklung zu leisten.

Wie gebt ihr den Weinen einen Namen?
Da lassen wir der Fantasie freien Lauf, versuchen einzig, allfällige lokale Merkmale oder Sortentypische Highlights als Kerninformation zu verwenden. Aber auf einer Etikette der Flasche, bei uns z.B. auf der Rückseite müssen Pflichtangaben vermerkt sein. Dies gibt der Gesetzgeber vor.

Ich habe gelesen, dass eure Rebsorten alles Piwi-Sorten sind? Was bedeutet das? Ich dachte, jeder Rebberg muss irgendwann gespritzt werden?
Richtig, wir pflanzen ausschliesslich Piwi-Sorten an und sind darauf spezialisiert. Piwi bedeutet, dass die Pflanzen wie schon erwähnt widerstandsfähiger gegenüber Pilzen und anderen Reb-Krankheiten sind. Es sind gezielte Züchtungs-Sorten, die mit dem Ziel entwickelt wurden, widerstandsfähiger gegenüber den klassischen Rebkrankheiten zu sein und dies unter Beibehaltung der gewohnten Geschmacksprofile der Weine. In der Betriebsphase bedeutet das auch, dass wir dank den resistenten Sorten viel weniger auftretenden Krankheiten bekämpfen bzw. spritzen müssen. Wir spritzen schlussendlich statt 12 nur viermal pro Jahr - und das mit biologischen Mitteln. Bei klassischen Sorten reichen in unseren Breitengraden und nördlich der Alpen häufig rein biologische Mittel nicht mehr aus. Als Konsequenz würden die Trauben den Krankheiten zum Opfer fallen, der Ertrag würde teilweise oder ganz ausbleiben und damit natürlich die wirtschaftliche Grundlage vernichtet. Ich bin ein absoluter Fan von diesen Sorten und dieser Züchtungsentwicklung, denn dies ist für uns eine gute Nische und insgesamt eine der vielversprechendsten Chancen für die Zukunft des Weinbaus.

Wie geht es jetzt weiter nach dieser Bepflanzung?
Als nächstes werden die Pflanzen bewässert, damit die Wurzeln gut anwachsen. Etwa in einem bis zwei Monaten sollten erste kleine Knospen wachsen.

Ist ein allfälliger Frost ein Problem für die jungen Pflanzen?
Die ganze Pflanze kann bei Frost glücklicherweise überleben. Aber die jungen Triebe würden ziemlich sicher absterben, wie das 2017 der Fall war. Zum Glück reagiert die Pflanze selber auf solche “Ereignisse” und treibt wieder aus.

Hat deiner Meinung nach der Klimawandel einen Einfluss auf unsere heimischen Weinsorten?
So negativ der Klimawandel insgesamt ist, so positiv ist die zunehmende Wärme für die Weinproduktion natürlich ein Glücksfall. Das hat man auch mit dem Jahrgang 2018 gesehen, der ein Spitzenjahrgang ist. Da die ganz jungen frisch gepflanzten Reben aber noch keine tief reichenden Wurzeln haben, muss man gut auf sie aufpassen und sie gut bewässern. Mittelfristig ist der Rebstock aber selber in der Lage, sein Wurzelsystem nach der Wasserverfügbarkeit auszurichten.

Wie viele Rebstöcke wurden angepflanzt und wer hat dir dabei geholfen? Sind das alles Freiwillige und besteht für Interessierte die Möglichkeit, auch mal mitzuhelfen? Vielleicht bei der Ernte?
Wir haben nun in einer ersten Etappe auf der Parzelle Opplismatt 2’700 Rebstöcke angepflanzt und alle Helfer arbeiteten ehrenamtlich und aus Freude mit. Einzig zwei Frühpensionierte arbeiten seit anfangs April im Stundenlohn mit. Mit den beiden Mitarbeitern sind häufig wiederkehrende Arbeiten wie z.B. bewässern, anbinden, Laubarbeiten oder andere dringende Arbeiten abgedeckt. Wenn jemand Lust hat, bei einer der vielfältigen Arbeiten in den Reben oder z.B. bei der Weinlese mitzuhelfen, darf man sich gerne melden, es sind alle herzlich eingeladen und es gibt viele Möglichkeiten. Die Arbeit draussen in den Reben ist sehr abwechslungsreich und ein schönes Hobby. Natürlich ist immer für Speis und Trank gesorgt.

Wo kann man deinen Wein kaufen?
Nur privat: z.B. über unsere Website www.weinbaumeyer.ch oder direkt bei mir und meinen Kollegen. Wir sind noch zu klein für Grossverteiler, denn diese verlangen eine Mindestmenge, die wir nicht bieten können. Interessant könnten für uns Spezialitätenläden wie Käsereien, Metzgerein oder ähnliches werden.

Wann dürfen wir den ersten Wein aus dem neuen Rebberg probieren?
Wir rechnen bei optimalen Wuchs- und Vegetationsverlauf in den nächsten Jahren ab 2021 mit Erträgen aus dem neuen Rebberg. Je nach Ertrag und Qualität könnten ab 2022 die ersten Weine degustiert werden. Das werden wir dann sicher mit einem ganz besonderen Erntedankfest feiern.

Was ist der Lohn für deine Arbeit? Was macht dir am meisten Freude beim Weinbau?
Sicher ist ein gutes Glas Wein am Ende ein Teil des Lohnes. Doch viel wichtiger ist für mich das Erleben des Wachstums und der Veränderungen in der Natur selber. Bei meiner Arbeit im Büro ist alles sehr gut strukturiert, organisiert und geregelt. In der Natur ist alles sehr abwechslungsreich, es ist vieles nicht planbar und es ist logischerweise alles sehr lebendig. Einzig die Natur gibt den Takt vor und die Wetterkapriolen oder sonstige Rahmenbedingungen mit auf den Weg. Alles weitere ist eine Serie an laufenden Veränderungen. Dieses Spannungsfeld, dieser Kontrast zum übrigen Alltag ist ein Erlebnis und damit mehr als ein Ausgleich. Natürlich müssen wir unsere Arbeiten gut organisieren und es gibt sicher ein paar Eckpunkte, die planbarer und vorausschaubarer sind. Das beginnt z.B. anfangs Jahr mit dem Rebschnitt, wenn wir jede einzelne Pflanze individuell schneiden müssen. Da spricht man schon fast mit den Pflanzen und man stellt sich schon vor, wie der Rebstock wachsen wird, in welche Richtung es gehen wird. Dann kommt der Frühling und die ersten Knospen zeigen sich. Die Blüte im Sommer und natürlich ist der Höhepunkt die Ernte im Herbst. Aber dieser Ablauf wir massgeblich von der Natur gesteuert und unsere Arbeit hängt davon ab. Die Natur zaubert mir so immer wieder aufs Neue ein Lachen ins Gesicht, es öffnet mein Herz und das macht mich glücklich.

Ruedi Meyer
Weinbau Meyer
Hubel 1
6212 St. Erhard
079 503 02 66
www.weinbaumeyer.ch

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