Leserbrief: Es fehlt bezahlbarer Wohnraum
von Joke Schoon, Eich
Die Diskussion um preiswerten Wohnraum beschäftigt uns. Auch unsere Lesenden. Von der Zuwanderung ist da die Rede, von Verkauf an Ausländer nur im Bodenrecht und von tiefen Hypothekarzinsen. Stellvertretend für die Reaktionen auf unseren Artikel haben wir den Leserbrief von Joke Schoon ausgewählt mit Fokus auf die Steuerpolitik und das Baugesetz.
«Es geht ganz klar ums Geld – und nur ums Geld. Schuld daran ist m.E. die Steuerpolitik. Die Steuern sind in unserer Umgebung derart tief, dass sie vor allem Investoren anlocken. Das treibt die Miet-, Kauf- und Grundstückspreise in die Höhe. Jedes altehrwürdiges Haus, jedes Haus mit Charakter – selbst wenn es erst 20 Jahre alt und in bestem Zustand ist – wird einfach abgebrochen: von Investoren oder habgierigen Erben. Das charmante, gut nutzbare und sogar ausbaubare Einfamilienhaus, vielleicht mit Einliegerwohnung, wird durch einen Betonblock mit Platz für mindestens vier Familien ersetzt. Wohlhabende Familien, selbstverständlich. Pro 3,5-Zimmer-Wohnung mindestens 3'000 Franken im Monat. Darum wird gebaut und gebaut, um jeden Preis.
Schaut man in den Aargau, nach Bern oder in andere Gemeinden des Kantons Luzern mit höheren Steuern, sehen die Dörfer noch herzig aus: typisch schweizerische Häuser, verteilt entlang charmanter Strassen und Gassen, gepflegt und umgeben von schönen Blumengärten und Beeten. Nicht so hier. Hier dominieren Beton und Asphalt, Effizienz und möglichst viel Wohnraum – um jeden Preis, einschliesslich verstopfter Strassen. Die Gemeinden spielen gerne mit, denn je mehr wohlhabende Einwohner, desto höher die Steuereinnahmen – und vielleicht auch die Gehälter? Die Miet- und Kaufpreise können sich viele Ur-Ansässigen und ihre Kinder nicht mehr leisten. Wie die alten Bauten werden auch sie durch die Moderne ersetzt – sprich: durch Menschen mit Geld. Ganz liebe Menschen, die die ländliche Gegend schätzen, solange die Kirchenglocken nicht zu laut sind, es nicht allzu sehr stinkt, die Parkplätze für ihre E-Fahrzeuge vergrössert und die Velowege für ihre «umweltbewussten» E-Bikes ausgebaut werden.
Steuern und Baugesetz fördern Wohnraum für die Elite
Tiefe Steuern locken Geld an. Wer Geld hat, kann für sich selbst sorgen und braucht weniger Unterstützung aus den öffentlichen Mitteln und die Steuern können weiter gesenkt werden. Es ist wie ein Wettkampf zwischen den Gemeinden. Weniger Wohlhabenden finden keinen bezahlbaren Wohnraum und ziehen weg, zurück bleibt die wohlhabende, verwöhnte Elite, die wiederum weiteres Geld anzieht. Das System verstärkt sich selbst wie ein Teufelskreis und führt zu einer zunehmenden Trennung zwischen Wohl- bis Sehrwohlhabenden und Wenig- bis Sehrwenighabenden. Das ist kein lokales, sondern ein schweizweites Problem. Ich bin bestimmt keine Sozialistin, aber ich schätze die Diversität einer Gesellschaft, in der nicht nur Reiche auf Reiche und Arme auf Arme treffen, sondern jeder auf jeden. Zudem führt das neue Baugesetz, das Eich 2018 leider als erste Gemeinde der Schweiz umgesetzt hat, zu diesen hässlichen, quadratischen Betonblöcken mit ihren zwangsmässig eingelassenen Balkonen. Auch erschwert es einen Um- oder Anbau eines bestehenden Gebäudes, so dass man halt besser abreisst und neu baut, wofür es eine teuere Finanzierung braucht; ein weiterer Grund, warum möglichst viel Wohnraum aus jedem Quadratmeter Bauland geholt werden muss. Die ganze Gegend wird mit Wohnkasernen vollgestampft; Sowjetunion und DDR lassen grüssen. Nur bezahlt man hier heute über 3000 Franken pro Monat für ein solches Missgebilde.
Wenn es so weitergeht, geht diese schöne Gegend kaputt. Na ja, dann löst sich das Problem wohl von selbst?»
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