Eröffnung Atelier «Johannisberg 1911»

von Yvonne Camenzind

Sieben Tonnen Metall auf 20 Paletten verteilt, so zeigten sich die Bilder im letzten Blogbeitrag «Druckleidenschaft mit Stein». Nun ist die Johannisberg 1911 auf Initiative des Vereins Weiss- und Schwarzkunst im Seetal angekommen. Auch dank der Hilfe von Sponsoren und eines Crowdfundings. Yvonne Camenzind berichtet:

Hier steht sie also endlich, die Lithoschnellpresse mit dem Namen «Johannisberg 1911». Der neue «Schatz» für den Verein Weiss- und Schwarzkunst schnurrt wie ein Kätzchen, obwohl sie schon 111 Jahre alt ist. Sie erfüllt alle Erwartungen! Mit mehreren hundert Schrauben setzte Maschinenmonteur Willy Etter die schweren, formschönen Teile zusammen. Die Zimmerleute kleideten sie mit einem Podest und insgesamt mit dem Atelier «JB1911» ein. Wie ich sie mit kritischem Auge der Kamera, durchs Makroobjektiv betrachte und immer wieder die Perspektive ändere, sehe ich Gebrauchspuren, Farbspritzer und überpinselte Stellen. Die Johannisberg 1911 wirkt weise, gutmütig und parat um ihr wunderschönes Schwungrad, die Zahnräder, Walzen und Lithosteine für mehr Geschichten zur Verfügung zu stellen.

So steht’s im Prospekt. Aber, ganz so idyllisch war es nicht von Beginn an. Ein ganzes Jahr vorher, während Juli und August 2021 suchte ich nach Sponsoren für den Transport der Johannisberg von Cham ZG nach Hochdorf sowie den Ausbau des Ateliers. Reto Schorta als Initiant vom Bereich Lithografieatelier meint, dass es im ganzen Kanton Zug kein KMU Center wie die «Alti Cherzi» gibt. Kaum eine Möglichkeit bezahlbarer Raum für einen Verein zu finden. So komme er gerne über den Lindenberg ins Luzerner Seetal. Ein Glück für uns, denn obwohl er uns Aktivmitglieder in seine grosse Aufgabe stark einbindet, bringen die neuen Entwicklungen allen viel Spass. Wenn ich hier von der Heidenarbeit erzählen darf, tut das nämlich ganz gut.

Stelle dir vor: Kaum mit dem Umbau begonnen hagelte es am 28. Juni 2021. Das Dach vom zukünftigen Atelier hatte Löcher, es regnete hinein. Weil das Unwetter die Region stark erwischt hatte, mussten wir lange auf den Dachdecker warten. Dieser hatte leider keine guten Neuigkeiten. Das mit Eternit gedeckte Dach lässt sich nicht an einzelnen Stellen flicken, es muss fachgerecht komplett saniert werden. Jemand von uns sagte: «Machen wir doch aus dem Atelier eine Box im Gebäude, so kann das Dach unabhängig von uns repariert werden.» Mehrere Holzbalken, die den Zwischenboden tragen und ein unebener Betonboden war vorhanden. Mit der Arbeit von den Zimmerleuten, Gipser, Elektriker und den Eigenleistungen für Farbe, Parkett, Lampen- und Maschinenanschluss ist dieser erste Ausbauteil nun geschafft und kann am Samstag, den 27. August 2022 besichtigt werden.

Die weiteren Pläne gelten dem Zwischenboden, den wir als Galerie für Ausstellungen, Apéros und Events zum Thema «Kunst und Genuss» ausstatten wollen. Da wird momentan abgeklärt, ob das Dach von unten geschlossen werden könnte, ohne alles zweimal in die Hände zu nehmen.

Die Johannisberg 1911 erfüllt alle Erwartungen. Letzte Woche druckten Gian Häne, Reto Schorta und Paul Burkart den «Pilatus» von Häne aus Chur. Mit dieser Lithografie schliesst das Crowdfunding, welches dem Atelier einen grossen Betrag einbrachte. Auch mehrere Stiftungen und Kulturfonds unterstützen das Projekt. Zur Eröffnung vom Atelier «JB1911»: Samstag, 27. August 2022 ab 14 Uhr feiern wir genau diese Gönner:innen, die per Knopfdruck auf unsere Bitte reagierten.

Es klingt jetzt hart: Wir dürfen keine Zeit zum Studieren und Werweissen vergeuden, die erfahrenen Steindrucker sind über siebzig Jahre alt, die professionellen Kunstschaffenden, die diese Möglichkeit schätzen arbeiten jetzt. In zehn Jahren sieht die Welt in dieser Branche sicher anders aus. Wer weiss dann noch, wie man all diese Maschinen bedient? Wer dreht etwas hier und unterlegt etwas da? Trotzdem überlegte ich dieses Jahr besonders oft: darf man die Gesellschaft nach Geld für diese alte Techniken bitten? Braucht es denn die alten Handdrucktechniken und Buchbinderhandfertigkeiten noch? Bauen wir heute an einer heilen Welt, die es gar nicht mehr gibt? Ich denke, Leuten mit Knowhow und Erfahrungen Respekt entgegen zubringen ist immer wichtig. Sie vermitteln beides gerne. Wenn Leute für andere Türen aufmachen, ist das auch wichtig.

Es hat jedoch noch einen anderen Aspekt. Wofür nutzt du die Zeit, die du hast? Hattest du einen erfüllten Tag, wenn du ins Bett gehst? Wie ist die Woche gewesen, auf die du am Wochenende zurückschaust? Siehst du am Ende des Jahres auf ein vielfältiges Jahr zurück? Am Ende deines Lebens auf ein ausgefülltes Leben? Jeder hat etwas, das ihm so viel Freude bereitet, dass er andere mit dieser Freude anstecken könnte. Und damit kann man seine Zeit verbringen. Wie unfassbar inspirierend ist es, jemandem zuzuhören, der voller Liebe über das spricht, was ihm Freude bereitet? Der begeistert, mit glänzenden Augen und voller Euphorie davon berichtet? Jeder kennt die Gefühle, die so jemand in einem auslösen: Motivation, Inspiration, Freude. Dafür sollte man sich selbstbewusst entscheiden, mit leuchtenden Augen darüber zu sprechen, andere anstecken und damit vielleicht eine Kettenreaktion an Zufriedenheit auslösen.

Mit einem gesunden und inspirierten Herzen gehen wir sowieso leichter und engagierter gegen die Ungerechtigkeiten der Welt vor.

In der Werkstatt von Weiss- und Schwarzkunst gibt es diese Menschen und wir hoffen noch viele damit anzustecken. Dann lasst uns die Johannisberg 1911 feiern, sie ist dieses Jahr 111jährig mit 111 Möglichkeiten vom Druck. Mein Grossdädi Josef ist 1911 auf die Welt gekommen, ein 11er wie er sagte. Da war die Welt genauso schwierig, wenn nicht trotziger. Hätte er und mein Grossmueti Anna damals nicht an das Leben und Liebe geglaubt, wäre ich (und auch Weiss- und Schwarzkunst) jetzt nicht hier. So hängt das alles zusammen!

Yvonne Camenzind

Anmeldung: offizin@weissundschwarzkunst.ch.
Es sind auch alle Interessierte eingeladen, denn Heldentaler können immer gekauft werden.

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