Den Surseer «Hexen» eine Stimme geben

zum 50-Jahre-Jubiläum des Frauenstimmrechts

Dieser Sommer ist gezeichnet von Regenperioden, heftigen Hagelstürmen und Hochwasser. Schlechtes Wetter heraufbeschwören um Missernten zu generieren: Dafür wurden vor wenigen Jahrhunderten noch «Hexen» verantwortlich gemacht. Die Hexenverfolgung war für die damaligen Obrigkeiten eine bequeme Lösung, um Erklärungen für Probleme wie Missernten, Unwetter oder Krankheiten zu liefern. Die Opfer der Hexenverfolgungen waren mehrheitlich Frauen und sie mussten fast alle mit ihrem Leben dafür bezahlen.

Sursee als Hochburg
Auch Sursee war eine Hochburg der Hexenverfolgung. Auf 900 Einwohner wurden hier 59 Personen unschuldig als «Hexen» hingerichtet. Die erste Frau wurde bereits 1423 verbrannt, mehr als 60 Jahre vor der Herausgabe des berüchtigten «Hexenhammers». Das Buch des Inquisitors Heinrich Kramer lieferte genaue Vorgaben, wie Hexen gefoltert und getötet werden sollten. Und es hatte explizit Frauen als schwaches Geschlecht zum Ziel. Diese seien für schwarze Magie anfälliger als Männer und schon bei der Schöpfung benachteiligt gewesen, da Gott Eva aus Adams Rippe schuf. Frauen wurden als „Feind der Freundschaft, eine unausweichliche Strafe, ein notwendiges Übel, eine natürliche Versuchung, eine begehrenswerte Katastrophe, eine häusliche Gefahr, ein erfreulicher Schaden, ein Übel der Natur“ bezeichnet, welche klare «Defizite im Glauben» auswiesen. Viele der Hexen gingen «einen Pakt mit dem Teufel ein», hätten mit dem Teufel Sex gehabt und sich mit ihm vermählt. Sie flogen mit Besen und nutzten spezielle Salben, um Mensch und Tier Schaden zuzufügen. Willkürliche Anklagen, die heute nicht mehr nachvollziehbar sind.

Aufarbeitung der Geschichte
Die Stadt Sursee ist nun schon seit mehreren Jahren dabei, diese Geschichte aufzuarbeiten. Bereits 2008 fand im Sankturbahnhof eine Ausstellung zur «Hexenverfolgung in Sursee und anderswo» statt. Auch das Theater Somehuus hat vor zwei Jahren in seiner Jubiläumsproduktion die Hexenverfolgungen thematisiert. Seit einem Jahr organisiert die Stadt nun Führungen zum Thema «Tatort Sursee», in welcher die Geschichten der Verurteilten an den Orignalschauplätzen erzählt werden. Im Jubiläumsjahr des Frauenstimmrechts geht der Verein «The Female Collective» nun noch einen Schritt weiter.

Passend zum Jubiläum haben die Opfer der Hexenverfolgung am 15. August mit Hilfe des Chores «VIDAS» eine Stimme erhalten. Unter Mitwirkung der Stadt, der Kirche und der Anna Göldi Stiftung haben die 58 Frauen und der eine Mann ihren Platz in der Gesellschaft wieder zurückerhalten. «Die Frauen, die in Sursee hingerichtet wurden, waren keine Hexen. Sie waren selbstbewusst, eigenwillig oder unangepasst und entsprachen damit einfach nicht den gängigen Normen und Rollenbildern.», sagt Alexandra Jud, Mitinitiantin, im Namen des Vereins.

Den «Hexen» von damals zu gedenken sei auch heute noch relevant, findet sie. «Frauen wurden in unserer Gesellschaft über Jahrhunderte hinweg als Menschen zweiter Klasse behandelt und zum Schweigen gebracht. Dieses Erbe tragen wir nach wie vor mit. Die Gesetze, die Normen und die Rollenbilder, nach welchen wir heute noch leben, wurden jahrhundertelang ausschliesslich von Männer geprägt. Dies ändert sich nicht von heute auf morgen.».

Das Jubiläumsjahr: 50 Jahre Frauenstimmrecht
Diese Gesetze, Normen und Rollenbilder prägten auch den langen und steinigen Weg der politischen Pionierinnen der Schweiz. Sie mussten über Jahrzehnte hart kämpfen, bis das Frauenstimm- und Wahlrecht 1971 endlich umgesetzt wurde. Erst seit 1981 sind Mann und Frau in der Bundesverfassung gleichgestellt und seit 1996 gibt es auch ein Gesetz, welches für die Umsetzung dieser Gleichstellung sorgen soll. Und auch im Jahre 2021 gibt es noch viel zu tun. Grosse Themen sind zum Beispielgleicher Lohn für gleiche Arbeit oder eine bessere Vereinbarkeit zwischen Familie und Beruf.

Daher wollte der Verein mit dem Event auch ein symbolisches Zeichen setzen. «Wir wollten zeigen, dass jeder Mensch, und aufgrund unserer Geschichte speziell jede Frau, wichtig ist und Raum für sich und seine Bedürfnisse einnehmen darf. Unabhängig davon, was die geltenden Normen & Rollenmuster sagen. Mit der ethisch-moralischen Rehabilitation der Vorfahrinnen erhalten alle Frauen wieder die Erlaubnis, diesen Raum zu beanspruchen. In einer Gesellschaft, die offen und tolerant ist und seine Mitbürger nicht für unterschiedliche Auffassungen oder Meinungen verurteilt. In einer Gesellschaft, in welcher alle Stimmen zählen und gemeinsam neue Normen und Rollenbilder geschaffen werden können.»

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