«Corona hilft mir!»

Blogbeitrag von Phil Freeze

„Corona hilft mir!“, habe ich mich selber bei einem Gespräch mit meinem Chef referieren gehört. Ich habe mich dann im Nachhinein gefragt, ob man das so sagen darf. Aber, ich muss es doch so sagen, wenn es stimmt. Lasst mich kurz erklären.

Wenn man durch eine Krankheit oder einen Unfall aus der Bahn geworfen wird, verändert sich einiges im Leben. Man muss sich mit seinen Gebrechen, mit seiner Psyche und mit allen Einschränkungen in der neuen Lebenssituation auseinandersetzen. Im Optimalfall meistert man all diese Hürden. Nur schon das ist ein riesen Kraftakt. Eine Willensleistung sich ins Leben zurück zu kämpfen. Ich denke jeder halbwegs empathische Mensch, kann diesen Teil einer Leidensgeschichte gut nachvollziehen.

Was man sich vielleicht weniger bewusst ist, dass diese Situation auch einen Rattenschwanz nach sich zieht. Oft geht Krankheit und Unfall mit einem wirtschaftlichen Abstieg einher. Man ist plötzlich nicht mehr ein funktionierendes Zahnrädchen in unserer Leistungsgesellschaft. Den alten Job kann man nicht mehr machen oder nicht mehr zu 100% Prozent. Man fällt in eine Berentung oder Teilberentung. Eine Vollrente in meinem Fall wäre um die CHF 2000.– pro Monat und ich habe immer schön brav einbezahlt in den letzten 25 Jahren. Dann kommt noch etwas Pensionskasse und noch etwas Hilflosenentschädigung dazu, aber glaubt mir die Brötchen werden kleiner. Von den Begrifflichkeiten wie Invalidenrente und Hilflosenentschädigung, welche dich allein schon krank machen, mal abgesehen, wird die Lage richtig ernst.

Automatisch entsteht ein grosses Eigeninteresse mindestens einen Teil seines Einkommens durch Arbeit zu erzielen, um den wirtschaftlichen Fall etwas abzufedern. Dazu braucht es zuerst mal einen Arbeitgeber mit sozialer Ader, welcher dich in so einer Situation nicht fallen lässt (Herzlichen Dank an dieser Stelle an die IOZ AG in Sursee!). Dann braucht es von der IV unterstützende Wiedereingliederungsmassnahmen mit Arbeitsversuchen und Weiterbildung, um herauszufinden, wo deine Leistungsgrenze liegt und welche Tätigkeiten möglich sind. Hat bei mir so weit gut funktioniert. Trotz allem war meine Stelle als Projektleiter mit viel Kundenkontakt gefährdet. Wer erklärt all den Firmen, dass sie barrierefrei sein müssen, wenn der Herr Fries vorbeikommen will? Und wer erklärt Ihnen, dass er nun doch nicht kommen kann, weil es seine instabile gesundheitliche Situation heute nicht zulässt? Bei allen Bemühungen schien der Plan nicht aufzugehen und wir machten uns schon allerhand Gedanken, wie den meine Rolle sonst aussehen könnte.

Und dann kam dieses Corona Virus um die Ecke und legte alles lahm – Lockdown. Durchatmen, überlegen, neue Wege suchen und langsam verändert Corona unsere Gesellschaft. Ich meine damit nicht die Bagatellen wie Masken tragen beim Einkaufen und, dass der Klopapiersicherheitsbestand exponentiell erhöht wurde. Ich spreche von der Digitalisierung, welche im letzten halben Jahr wie eine Sintflut über die Arbeitswelt gekommen ist. Auf einmal sind Home-Office und Online Meetings das normalste der Welt. Home-Office heisst für mich auch mal arbeiten können, wenn ich nicht 100% fit bin, weil ich öfters Pause machen und damit meine Arbeitszeit auf meine Bedürfnisse anpassen kann. Der neue Onlinemeeting-Standard heisst, ich kann wieder Kundenprojekte betreuen, weil ich eben nicht vor Ort muss. Der geneigte Rollstuhlfahrer merkt: „Ich bin wieder im Geschäft! Corona hilft mir!“

Ich möchte mit diesem Blog niemanden vor den Kopf stossen, welcher an Corona schwer erkrankt ist oder sogar Todesfälle in seinem Umfeld hatte. Mir ist auch bewusst, dass immer noch viele an den wirtschaftlichen Folgen des Lockdowns leiden.
Ich möchte nur festhalten, dass jede Krise auch Chancen beinhaltet. Ich habe für mich festgestellt, dass die erzwungene Digitalisierung viel mit barrierefreiem Zugang zum Arbeitsmarkt zu tun hat und mir neue Perspektiven bietet. Andere Themen kommen mir in den Sinn z.B. flexiblere Arbeitszeitmodelle, welche Beruf und Familie besser vereinen oder braucht es tatsächlich mehr Infrastruktur in Strassen und ÖV? Vielleicht liegt ja die Lösung in Home-Office und in dezentralen Co-Working Spaces.

Gibt sicher noch zig andere Beispiele. Lasst uns diese Krise nutzen. Wie müssen uns von festgefahrenen Denkmustern und vermeintlichen Realitäten lösen, damit neue Dinge in Bewegung kommen können.

Wie brauchen Veränderung zu einer gleichberechtigten und gerechten Welt, welche die Ressourcen des Planeten respektiert und jedem Menschen ein würdiges Leben ermöglicht. Du darfst mir heute Hippie und Träumer sagen, aber die Corona Pandemie hat gezeigt, was alles möglich ist, wenn der notwendige Wille vorhanden ist und es die Situation erfordert.

Liebe Grüsse,
Freeze

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