Blogbeitrag: Lerntage mit Ernst, Paul und Willy
von Yvonne Camenzind
Verein Weiss- und Schwarzkunst: Yvonne Camenzind und Roger Tschopp gründeten 2013 den Verein mit einer kleinen Gruppe von Interessierten, um ihren Lehrberuf im Bereich Papier und Druck zu stärken. Der traditionelle Buchdruck ist fast 600-jährig und wurde in den 70er Jahren durch den Fotosatz abgelöst. An dieser Stelle erzählt Yvonne über ihr Wirken und gewährt Einblicke in die Bestrebungen den Buchdruck im 21. Jahrhundert neu zu definieren, zu pflegen und in Workshops zu vermitteln.
Seit geraumer Zeit steht die Steindruck-Schnellpresse «Johanna» im Atelier JB1911 in der «Alti Cherzi» in Hochdorf. Nun ist der Vorstand von Weiss- und Schwarzkunst einen Schritt weiter gegangen und stellt das Steindruckatelier einer freien Gruppe an zwei Tagen pro Monat zur Verfügung. Auch an interessierte Personen ohne Vorwissen aus der Region Sempachersee.
Deren Mitglieder wurden durch die Kommunikation mit Visarte, dem Branchenverband, darauf aufmerksam gemacht und lernen nun in einer Gruppe jeweils fünf bis acht von 20 Personen den Steindruck kennen. Es war die Idee von Maschinenmonteur Willy Etter; Ernst Hanke und Paul Burkart – beide erfahrene Steindrucker – stiften ihre Zeit und ihren grossen Willen, um ihre umfangreiche Expertise an die Lernenden weiterzugeben. Von diesem Transfer erhoffen wir gemeinsam, dass das Wissen der achtzigjährigen Steindrucker nahe bei der hundertvierzehnjährigen «Johanna» bleibt und weiter gepflegt wird. Wenn Sie auch einen Blick auf die Kursinhalte werfen möchten, laden wir Sie herzlich ein, auf der Website jb1911.weissundschwarzkunst.ch unter «Lerne Steindruck» vorbeizuschauen. Seit April kommen also, an die von Ernst Hanke angebotenen Termine, erfahrene Kunstschaffende wie Illustrator:innen und bildende Künstler:innen. Sie kommen aus der ganzen Deutschschweiz, von Basel bis ins Graubünden.
Tag 1: Kennenlernen und Steine schleifen
Ernst Hanke stand schon mitten im Lithografieatelier der HSLU Kunst & Design, als die letzte Schülerin bei uns ankam und erzählte von seinem Beruf. Wussten Sie, dass es in der grafischen Branche noch dreissig Berufe gegeben hat, als Ernst in die Lehre ging und dass die Künstler:innen dem Lithografen ihre Zeichnung übergaben, damit er sie «professionell» auf den Stein übertrug? Man druckte nie direkt ab dem Originalstein, sondern erstellte für den Druck mit der Umdruckpresse (Konterpresse) immer eine Kopie. Allerdings wurden nicht in erster Linie Kunstdrucke gemacht, denn es war eine Industrie, wo man in direkter Konkurrenz mit dem Tiefdruck war, und man schauen musste, zu den Druckaufträgen zu kommen. Später, als die Künstler ihre Steine selbst zeichneten, verstanden die Verlagsleiter oft nicht, dass sie auf die Drucker:innen fixiert waren und nicht auf die Druckerei. Denn wie Paul Burkart ergänzte, sieht man einer Lithografie an, wer sie gedruckt hat.
Bei der praktischen Arbeit, wie dem Schleifen nimmt man zwei Lithosteine (Solnhofener Kalkstein), die in etwa gleich gross sind. So hat man einen Ober- und einen Unterstein. Das Ziel beim Schleifen ist es, das alte Bild wegzumachen, den Lithostein plan zu bringen, also die Oberfläche vollkommen eben und glatt zu gestalten, sowie ihn mit der gewünschten Körnung für die neue Zeichnung vorzubereiten. Zwischen handwerklicher Sorgfalt und geschichtsträchtiger Technik entstand schon am ersten Tag eine gewisse Ehrfurcht vor dem Medium. Doch mit dem zweiten Tag rückte die Mechanik in den Fokus – und mit ihr die grosse Maschine im Raum: Johanna.
Tag 2: Funktion und Mechanik
«Wenn die «Johanna» einige Zeit stillgestanden ist, soll man immer erst ans Ölen denken», beginnt Willy mit seinen Ausführungen rund um die Lithopresse. Überall dort, wo sich ein Ölloch befindet, füllt man dieses mit ein paar Tropfen tragfähigem Maschinenöl. Die abschraubbaren Kappen werden mit Fett gefüllt und nur leicht angeschraubt. Beim nächsten Mal können sie ein wenig weiter hineingeschraubt werden, bis die Kappen vollständig festgemacht sind; dann wieder neu mit Fett befüllen.
Zum Druckteam gehören die Einleger:innen wie die Auswerfer:innen. Um die grossen Druckbögen einzulegen, stellt man sich auf ein kleines Podest, es erinnert mich an den Platz, wo der Kapitän beim Dampfschiff steht, um manövrierend seinen Dienst zu tun. Nun nimmt man den silbernen Griff in die Hand und startet über den grünen Knopf die Maschine, ganz langsam beginnt der grosse Zylinder der Johanna sich zu drehen. Ein Glücksgefühl stellt sich ein und so legt man den ersten Bogen sorgfältig an die Greifer und seitlich an die Anlage. Nachdem wir das Einlegen und Auswerfen ausgiebig geübt hatten, sollte noch der Druckstein in der Maschine ausgewechselt werden. Dafür mussten die Einspannung gelöst, die Holzstücke entfernt und den Stein über die seitliche hölzerne Rolle auf den hydraulischen Wagen gerollt werden. Da der neue Stein kleiner war, schien es erst, dass wir zu wenig Holzklötze hätten. Doch mit einer geschickten Aufteilung und dem richtigen Dreh der Schrauben gelang es, den Stein zu fixieren und die Höhe einzustellen.
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