Blogbeitrag: Entwicklungsraum für Projekte

von Yvonne Tschopp-Camenzind

Verein Weiss- und Schwarzkunst: Yvonne und Roger Tschopp-Camenzind gründeten 2013 den Verein mit einer kleinen Gruppe von Interessierten, um ihren Lehrberuf im Bereich Papier und Druck zu stärken. Der traditionelle Buchdruck ist fast 600-jährig und wurde in den 70er Jahren durch den Fotosatz abgelöst. An dieser Stelle erzählt Yvonne über ihr Wirken und gewährt Einblicke in die Bestrebungen den Buchdruck im 21. Jahrhundert neu zu definieren, zu pflegen und in Workshops zu vermitteln.

>> www.weissundschwarzkunst.ch

BLOGBEITRAG

Vor einigen Jahren richteten wir Initianten mit pensionierten Schriftsetzerfreunden viele Setzkästen neu ein. Die Letter kamen in unsere besten Schubladenschränke, kaputte Schriften und verrostete Schränke wurden entsorgt.

Die älteren meiner Berufskollegen hatten ihre kurze schwarze oder blaue Schürze an und eine Lesebrille auf der Nase. Diese Arbeit nahm einige Wochen in Anspruch. Dabei fiel mir auf, wieviel Altersunterschied wir da in die Druckwerkstatt brachten. Mich selber sah ich, mit meinen fünfundvierzig Jahren, als ungefähr in der Mitte.

Von Anfang an war klar, dass die Jahrgänger 1938 – 64, die den Bleisatz, Buchdruck und das Handbuchbinden als Lehr- und Arbeitszeit erlebt haben, allen nachfolgenden Jünger Gutenbergs die Handfertigkeiten und das Knowhow vermitteln sollen.

Die reine Bereitschaft sein Wissen an Jüngere weiterzugeben reicht natürlich nicht aus. Wir müssen die Jungen oder wenigstens die Interessierten ab Jahrgang 1970 erreichen, solange die «Analog Native*» es übergeben können. Genau da ist das Dilemma. Dies ist die arbeitende Bevölkerung! «Wann hättet ihr denn Zeit?» frage ich mich und weiter: «Wie spreche ich überhaupt Leute unterschiedlichen Alters an?».

Mit diesen Fragen ging ich vor vier Jahren an einen Tagesworkshop der Generationenakademie**. Auf der Ausschreibung stand: «Der Workshop bestärkt die Teilnehmenden in ihrem Vorhaben und gibt Hinweise zur Entwicklung und Realisation von Generationenprojekten».

Im Zentrum standen Kurzpräsentationen der Projektideen mit Feedback und Diskussion in Kleingruppen. Es war mein erstes Mal, wie ich Weiss- und Schwarzkunst in seiner ganzen Kompexität vorstellte und wo ich statt Antworten viele Rückfragen erhielt. Die Projekte der Anderen waren unterschiedlich weit gereift, bei manchen wäre ich sofort eingestiegen. Wenn Sie mich da, nach dem Workshop noch völlig durch den Wind, reden hören möchten, können Sie das hier tun: www.generationentandem.ch

Menschen aller Generationen zu verbinden ist seit diesem Frühling besonders wichtig. Und weil Generationenprojekte dabei eine gesellschaftliche Pionierrolle einnehmen, luden mich Elias Rüegsegger («und» das Generationentandem) sowie meine Mentorin Maja Graf (Generationenakademie) zum ersten digitalen Stammtisch ein: «Wir wollen Erfahrungen, die aus der Corona-Krise entstehen, das erarbeitete Wissen und die gemeinsamen Anliegen zusammenbringen und etwas Gemeinsames schaffen, das uns allen hilft. Hier der Link zum Beitrag

Ich notierte mir Fragen und wertvolle Inputs. Wie können wir die Zusammenarbeit von Profis und Laien gestalten? Wie verbindet man ein Projekt vor Ort mit einer überregionalen Vernetzung? Wie lässt sich ein Ziel definieren?

Mein wichtigster Punkt, den ich nun begriffen habe ist, was Maja Graf als Schlusswort sagte: «Generationen sollen sich auf Augenhöhe begegnen können. Das heisst, wir bieten den Jungen eine Bühne, wo sie mit ihrem Wissen den Älteren etwas erzählen können.».

Was das für unsere Werkstatt heisst, erahne ich in einzelnen Szenarien. Mit jeder Idee wächst eine weitere. Hier folgen ein paar Beispiele.

  • Der Bereich Letterpress ist naheliegend: Das Design setzt der Gestalter am Computer um. Die Hochdruckform (Klischee) wird von den digitalen Daten erstellt. Junge zeigen Älteren die dafür praktische Software
  • In der Welt der Papiere, der Schriften und der Farben lernt man nie aus. Die Diskussion über Anwendungen und Kombinationen ist stets aktuell.
  • Der gedruckte Text kann von Morgenstern, Shakespeare bis Rap oder Poetrie-Slam kommen.

Für mich stimmt dieser Ansatz. Der weitere Tipp nehme ich auch mit: «nicht lange planen, einfach umsetzen und probieren!». Alte Denkbahnen verlassen, spielerischer miteinander umgehen und visionär denken! Wir werden für diese speziellen Zeiten neue Ideen ausdenken.

*«Analog Native» ist ein Pendant zu «Digital Native», also jemand der oder die in der digitalen Welt aufgewachsen ist.

**Die Generationenakademie ist ein Angebot des Migros-Kulturprozent, welches von 2015–Ende 2020 läuft. Sie unterstützt Initiantinnen und Initianten praxisnah bei der Planung und Entwicklung von Generationenprojekten.

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